Pressespiegel

Ricreatione d'Arcadia in Ganderkesee

Rezension von Günter Matysiak, Weser Kurier 11.7.2022


Den Himmel auf Erden geholt

Ensemble „Musica getutscht“ holte am Sonnabend frühbarocke Schäferidyllen nach Ganderkesee


Ganderkesee. „Sommer. Abend. Musik.“ – so hieß es am Sonnabend wieder in St. Cyprian und Cornelius.

Zu Gast war dieses Mal das 2020 in Bremen gegründete Ensemble „Musica getutscht“, das unter der Überschrift „Ricreatione d‘ Arcadia“ Musik der Renaissance und des Frühbarocks, der Zeit von 1550 bis 1650, spielte.


Zu dem Ensemble gehören die Sopranistinnen Cornelia Fahrion und Erika Tandiono sowie der Cembalist Alexander von Heißen und Bernhard Reichel an der Chitarrone, eine Basslaute. Der Name „Musica getutscht“ ist dem Titel eines 1511 erschienen Buches des Priesters, Komponisten und Musiktheoretikers Sebastian Virdung entlehnt, das den Titel „Musica getutscht und außgezogen ...verdruckt, um alles Gesang aus den Noten in die tabulaturen dieser benannten dreye Instrumente der orgeln, der Lauten und der Flöten transferieren zu lernen“ trägt. Ein Lehrbuch also für die Übertragung (Intavolierung) von Vokalmusik auf die genannten Instrumente. Diese Bearbeitungen wurden dann der Anfang aller autonomen Instrumentalmusik.


Wie solche Bearbeitungen geklungen haben, konnte das Publikum am Sonnabend erleben. Auf dem Programmzettel stand nämlich mit „Tirsi morir volea“ ein fünfstimmiges Madrigal von Luca Marenzio in der Bearbeitung für Cembalo solo. Alexander von Heißen spielte dies mit so hoher instrumentaler Kantabilität, dass man die fünf Vokal- stimmen zu hören glaubte. Sein kantables Spiel prägte auch Girolamo Frescobaldis „Capriccio pastorale“, gab ihm einen überaus modernen, romantischen Tonfall, was die Idee Arkadiens ja durchaus beinhaltet.


Diese Idee stellte Bernhard Reichel, der Lautenist des Ensembles, im Verlaufe des Abends in seiner Moderation dar. Arkadien, das Land der Schäfer und Schäferinnen, Wunsch-Ort und Ziel einer Flucht aus dem Alltag ins grüne Paradies, fernab aller Pflichten, Sorgen und gesellschaftlichen Zwänge. Arkadien, das Land der Liebe, auch der freien Liebe, auf heute übertragen auch der „queeren“ Liebe. Aber, so ließen es uns die Texte der musikalischen Werke wissen, Arkadien ist eine Utopie, das Paradies ist verloren. Diese italienischen Texte gab es dankenswerterweise in deutscher Übersetzung als Beilage zum Programmzettel. Von Arkadien und seiner Aussichtslosigkeit sprach Claudio Monteverdis „Bel pastor“ und lieferte gleich auch etwas Psychologie: Sag, „ich liebe dich so, wie ich mich selbst liebe. Nein, denn ich hasse mich.“ Aber die Musik in ihrer Schönheit machte immer wieder Hoffnung, dass das mit der Liebe, die in den vielen Stücken besungen wurde, doch klappt. Cornelia Fahrion und Erika Tandiono sangen ihre Duette und Solostücke mit kraftvoll strahlender, vibratoloser Klarheit, mit betörend reiner Sinnlichkeit und immer wieder zärtlich-verführerischer Leidenschaft. Cembalo und Laute waren trotz ihrer Wortlosigkeit von großer Beredtheit und hoher klanglicher Präsenz.


Auch die Laute kann „singen“. Bernhard Reichel ließ das etwa in Alessandro Piccininis „Toccata VI“ solistisch hören und brillierte mit feinsten Dynamik-Nuancen und deutlicher formaler Gliederung. Tänzerische Bewegtheit bis hin zum taumeligen Ausdruck verzehrender vokaler Sinnlichkeit herrschte in Sigismondo d’Indias „La mia Filli crudel“. Wie wunderbar sich die beiden Soprane im Klang mischten, war zu hören in Luzzasco Luzzaski „Cor mio, deh non languire“.


Am Schluss wurde es mit Monteverdis „Zefiro torna“ stürmisch: Die beiden Sängerinnen boten vokale Fetzigkeit, Laute und Cembalo lieferten den rauen Sound dazu und gemeinsam war das Renaissance-Musik mit einer Spur Rockmusik und einer Rückkehr zu Monteverdis virtuosen chromatischen Duo-Koloraturen, die noch einmal wohlige Gänsehäute bewirkten. Dafür und alles davor gab es begeisterten Beifall und als Zugabe ein temperamentvolles „Alla guerra d’amore“ von Sigismondo d’India.


Kreiskantor Thorsten Ahlrichs meinte am Schluss: In diesem Konzert sei der Himmel auf die Erde geholt worden. Da war Arkadien nicht weit.

Vom vielfachen Laufe der Welt in Oldenburg

Rezension von Christoph Keller, Nordwest Zeitung 25.1.2022


Souveräne Spielfreude in besonderer Atmosphäre

Das Programm war musikalisch äußerst farbenreich, die Thematik ist heute noch aktuell. „Musica getutscht“, das Ensemble für Alte Musik, gab in Oldenburg ein Konzert. So urteilt unser Rezensent.


OLDENBURG - „Vom vielfachen Laufe der Welt“ erzählte ein spannendes und abwechslungsreiches Konzertprogramm, welches das Bremer Ensemble für Alte Musik „Musica getuscht“ jetzt in der Osternburger Dreifaltigkeitskirche aufgeführt hat. Kompositionen des Frühbarock wechselten sich mit originalen Melodien des mittelalterlichen osmanischen Reiches ab. Diese Programmzusammenstellung erwies sich als musikalisch äußerst farbenreich und war gleichzeitig ein Zeugnis von erstrebenswerten Ideen religiöser Toleranz, welche die damaligen Komponisten bewegten, allerdings, wie die Geschichte immer wieder zeigt, leider nur als Utopien.


Stimmiger Dialog


Mechthild Karkow spielte mit wundervoll geschmeidigem Ton auf der Barockvioline in absolut stimmigem Dialog mit der Blocköte (Claudius Kamp). Beide überzeugten mit ihrer souveränen Spielfreude und den reich verzierten Melodielinien. Das kam schon beim quirligen Erönungssatz von Biagio Marini zur Geltung oder der improvisatorisch angehauchten „Ciaconna“ von Tarquinio Merula. Neben verschiedenen Renaissance-Blockflöten beherrschte Claudius Kamp zudem den wohlklingenden Dulzian.


Gelungene Verbindung


Die türkisch-persischen Melodien, im 17. Jahrhundert gesammelt und in Notenschrift festgehalten von Ali Ufki, musizierten Violine und Flöte zumeist im Unisono. Das passte gut zu den diesen Melodien innewohnenden Zwischentönen, die nicht unserem temperierten Tonsystem entstammen. Die besondere Atmosphäre wurde dabei getragen von den rhythmischen Grundtönen der sonoren Chitarrone (Bernhard Reichel) und dem Perkussionisten Sebastian Flaig mit seinem sehr exibel eingesetzten Instrumentarium. Die auf Tambourin, Knie- und Handtrommeln mit lockeren Fingern und Handgelenken ausgeführten Rhythmen bildeten eine gelungene Verbindungslinie zwischen den verschiedenen Instrumentalwerken des Frühbarock und der mittelalterlichen osmanischen Hofmusik.


Harmonische Wendungen


Auf dem eigens mitgebrachten Cembalo spielte Julio Caballero Pérez neben dem verlässlichen Continuo-Part solistisch eine mit ungewöhnlichen harmonischen Wendungen sowie ausdrucksstarken Dissonanzen und Vorhalten gespickte „Méditation faite sur ma morte future“ von Johann Jakob Frohberger.

Thomas Morus schrieb schon 1516 in seiner Utopia: „Denn es ist eine ihrer ältesten gesetzlichen Einrichtungen, dass seine Religion keinem zum Nachteile gereichen dürfe.“ Diese Thematik ist heute genauso aktuell. Das Programm des Ensembles „Musica getuscht“ zeigte, in welch reichen musikalischen Formen sich schon vor über dreihundert Jahren Komponisten damit auseinandergesetzt haben.